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Sein vergrößerter Daumenabdruck
in Stein an der Atelierwand: Signet des Bildhauers
und Identitätsmerkmal zugleich. Typisches Understatement
seines Schöpfers, spiegelt der ovale Stein aus strahlend
weißem Granit das Ich-Bewusstsein und erinnert doch an
das abstrakte Lineament eines japanischen Zen-Gartens.
Die Idee zu dieser sehr frühen Arbeit mag sich entwickelt
haben aus der Form des ersten, 1978 entstandenen
“Wellensteins” aus schwarzem Granit, dessen
Oberfläche an konzentrische Schwingungen einer
Wasseroberfläche erinnert. Er ist einer der wenigen
Steine, die dafür gemacht sind, in der freien Natur zu
liegen und bei dem Natur mitgestaltet, wenn Regenwasser in
seinen Rillen stehen bleibt.
Toni Scheubeck, der nach dem Studium an der
Münchner Akademie wieder in seinen Geburtsort Arnschwang
bei Cham zurückgekehrt ist, braucht die Abgeschiedenheit
des Dorfes nahe der tschechischen Grenze; nur dort findet er
die nötige Ruhe zu konzentrierter Arbeit. Sein
Verhältnis zur Natur ist das eines Menschen, der in engem
Kontakt zu ihr aufgewachsen ist; weder sentimental-romantisch
noch missverständlich intellektualisiert, sondern ganz
einfach unbewußt vorhanden als eine besonders
ausgeprägte Wachsamkeit und Sensibilität für
Gleichgewicht und Proportionen.
Die Form des Steines ist mitbestimmend
für das Aussehen der Skulptur, die Gestalt einer Idee
summiert sich also aus dem Austausch von geistigem Konzept und
Einverständnis mit einer in der Natur vorgefundenen Form.
Dabei behandelt er den Stein mit Perfektionismus,
äußerster Sorgfalt und Respekt.
Bei dieser Arbeitsweise, die sich vom Stein
inspirieren läßt, ist es einleuchtend, dass für
die Skulpturen keine wie immer gearteten Entwürfe oder
Zeichnungen existieren. Toni Scheubeck arbeitet seine Idee
unmittelbar in den Stein. Die Vorstellung der endgültigen
Gestalt muß also schon sehr weit konkretisiert sein, um
die richtige Wahl zu treffen, und mancher Stein liegt jahrelang
in der Werkstatt, bis er zu den Auserwählten gehört.
Die Form- und Rhythmusprinzipien der
Skulpturen sind von ausgewogener Schlichtheit. Sie orientieren
sich an den genialen Prinzipien der Natur, die das beste
Vorbild ist für die Übereinstimmung von Ökonomie
und Ästhetik einer Form. Aus ihrer spannungsreichen
Asymmetrie ergibt sich die Beunruhigung einer “offenen
Balance”, wie Henry Moore dies genannt hat.
Man muß nur Toni Scheubecks eigene
Sätze zu seinen Steinen lesen, dann wird als wichtigstes
Gestaltungsprinzip klar, was von Anfang an seine Arbeit
durchzieht, die Vereinigung von Gegensätzen als Moment der
Spannung.
Die Bewegung in Ruhe: “In sich
gekehrt” I und II. Eine unendlich fließende
Bewegung, die immer wieder in sich zurückläuft, und
dabei doch ein sehr “endlicher “ Stein. Vor allem
bei den früheren Steinen ist es der Gegensatz zwischen
stabiler Erscheinung und labilem Gleichgewicht, eine optisch
weiche Oberfläche, die die Härte des Steins wie eine
Augentäuschung kompensiert, oder die Aufhebung der Schwere
durch eine ins Extrem gearbeitete Schlankheit und Eleganz:
“Das Lasten des Steins zum Leichten wenden”. Die
artifizielle Wirkung solcher Steine wie der
„Ankunft” oder des Federsteins läßt sich
durch entsprechend geformte Fundstücke erreichen.
Verletzungen durch die Einwirkung
natürlicher Energien bezieht er mit ein, macht sie
anschaulich wie bei dem „Spaltblock”. Oder er
belädt den Stein mit einer gewissen Magie; gespalten oder
zersägt ist er zwar jederzeit aufklappbar, doch ist er zum
Schrein für sein Geheimnis geworden. Lagernde Ruhe wird
kontrapunktiert durch die Dynamik einer leichten Torsion,
einzelne Teile werden zueinander-gegeneinander in
spannungsreiche Konfrontation gebracht.
Dieses Austarieren entgegengesetzter
Kräfte und die damit verbundenen geringfügigen, aber
folgenschweren Unwägbarkeiten sind es, mit denen die
Skulptur - auch in ihrer emotionalen Ausstrahlung - in dem
labil-stabilen Schwebezustand gehalten wird, den Lessing den
„fruchtbaren Augenblick” genannt hat, den Moment
des Übergangs von einer Situation in eine andere.
Dieser Schwebezustand ist es, der Steine
wie “In sich gekehrt” so anhaltend aufregend macht.
Auch ein oberflächlich in sich ruhend erscheinender Stein
wie das “Haus” ist durch die geometrische
Durchdringung, die realperspektivisch so nicht möglich
ist, von dieser Unruhe gekennzeichnet. Nur durch den direkten
Bezug zum Stein, der auch dem Material Freiraum läßt
und offen ist für die Inspiration durch die vorgefundene
Form, lassen sich solche Körper erfinden, die neu sind und
doch auf uns wirken, als seien sie immer schon dagewesen, als
könnten sie anders nicht aussehen, als seien sie uns aus
einer anderen Welt bekannt.
Die Zeitlosigkeit dieser Skulpturen, die
manchmal so perfekt ponderiert sind wie ein archaischer Kouros,
kommt aus den Quellen der griechischen Kunst und einer
meditativen Haltung, die geprägt ist von östlicher
Philosophie; Toni Scheubeck interpretiert den Stein, indem er
eine Verständigungsebene herstellt, die auch dem
Betrachter den Zugang ermöglicht.
Die Zitatkunst der Postmoderne, Ironie und
erzählerisches Moment und jegliches Decorum sind seine
Sache nicht. Er sucht Gleichgewicht und Harmonie, doch immer
ist da das beunruhigende Moment der kleinen widersetzlichen
Bewegung, der genialische kleine Störfaktor, der es macht,
dass man sich von diesen Steinen so leicht nicht wenden kann.
Sie sind konkreter und näher an der Natur als mancher
geschwätzige Naturalismus. Beschreibende Details fallen
weg zugunsten der Prägnanz der Form. Der Stein wird in
seiner Spannung zusammengefaßt und konzentriert, wie etwa
das “Haus des Pythagoras”, so lapidar und genial
wie eben dessen Einsicht.
So disparat die Steine auf den ersten Blick
auch erscheinen mögen, organisch geformt, paarweise
angeordnet, stückweise gesetzt - sie unterwerfen sich alle
einem gemeinsamen Gestaltungsprinzip: scheinbare
Gegensätze zu möglicher Harmonie zu führen, den
Charakter der Skulptur genau in dem springenden Punkt zu
erfassen , wo dies, einen schwebenden Moment lang, möglich
ist. Im Spiel mit Statik und Dynamik, Naturerfassung und
Abstraktion tariert Toni Scheubeck die Gegensätze aus und
fördert Einsichten durch die Raffinesse einer
verblüffenden Einfachheit. Kunst kommt eben doch nicht
allein von Können, sondern von Denken und Tun, geistigem
Konzept und Handwerk.
Ines Kohl
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